Recrutainment: Spielend zum neuen Job

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Mehr als 60 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland machen mangels Motivation lediglich “Dienst nach Vorschrift”. Und rund ein Viertel hat sogar bereits innerlich gekündigt, ergab der aktuelle Engagement Index des Beratungsunternehmens Gallup. Viele Angestellte würden hoch engagiert starten, im Laufe der Zeit aber mangels Bindung an das Unternehmen frustriert resignieren. Vermutlich sind es Sicherheitsdenken und bei vielen auch Bequemlichkeit, die sie auf einem ungeliebten Posten verharren lassen. Schließlich ist der Bewerbungsmarathon für eine neue Stelle nicht gerade ein Spiel. Oder vielleicht doch? Na ja, nicht ganz. Aber tatsächlich gibt es mittlerweile eine ganze Reihe großer Unternehmen, die neue Mitarbeiter spielerisch rekrutieren, vor allem über Online-Spiele.

Der Bewerbungsprozess als Spiel

Im Fachbegriff heißt diese Art der Personalgewinnung Recrutainment, wobei es sich – Ihr werdet es sicher schon ahnen – um eine Gamification-Variante handelt. Ziel ist es, auf der einen Seite den Bewerbungsprozess für potenzielle neue Mitarbeiter unterhaltsamer zu gestalten. Unternehmen können sich als sympathisch und innovativ zeigen und neue Zielgruppen ansprechen – überwiegend richtet sich Recrutainment an Schul- und Uni-Absolventen, eine Zielgruppe, die in sozialen Netzwerken zu Hause ist und mit Online-/Computerspielen aufgewachsen ist.

Zudem liefern – zumindest wirklich gut gemachte – Spiele den Bewerbern einen realistischen Einblick in ihren möglichen neuen Job. Sie fangen, sollte es zur Einstellung kommen, nicht ganz bei Null an.

Auf der anderen Seite hilft es Unternehmen, eine Vorauswahl zu treffen beziehungsweise unpassende Bewerber von vornherein auszusortieren. Im Idealfall merken die Interessenten es während des Spielens selbst, dass sie für eine Stelle nicht wirklich geeignet sind. Neue Mitarbeiter zu finden ist ein aufwändiger Prozess, der viel Arbeit, Zeit und Geld kostet. Vom Recrutainment versprechen sich Experten, dass es auf Dauer gesehen Kosten und Nerven spart.

Gamedesign für Einstellungstests

Bunt, nett, kreativ: Die Online-Spiele der Personalabteilungen wirken auf den Blick erst einmal wie ein harmloser Zeitvertreib. Dass es hier um einen neuen Job geht, ist für die Mitspieler nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Aber das gehört zum Prinzip. Eine alte Weisheit aus der Spieleforschung lautet: Im Spiel zeigt jeder sein wahres Gesicht – ob er will oder nicht. Die Bewerbungsspielchen verraten Personalabteilungen nicht nur viel über die Fähigkeiten der Teilnehmer, sondern auch über deren Persönlichkeit.

Genau wie bei einem klassischen Einstellungstest muss sich der Kandidaten durch allerlei Fragebögen und Testreihen ackern. Nur merkt er das nicht, weil alles viel ansprechender verpackt ist. Ein großer Vorteil gegenüber herkömmlichen Tests ist, dass die Hemmungen zur Teilnahme wesentlich geringer sind und gleichzeitig im Spiel die Motivation höher ist, die Sache bin zum Ende durchzuziehen. Es werden so auch Kandidaten erreicht, die sonst vielleicht nicht den Mut hätten, sich zu bewerben, die aber durchaus geeignet sind für bestimmte Positionen.

Teamwork: Die Entstehung von Recrutainment-Anwendungen

Damit Recrutainment für alle Beteiligten funktioniert, reicht es nicht, auf die Schnelle ein nettes Spiel zusammen zu zimmern. Experten sind gefragt, und zwar aus den unterschiedlichsten Disziplinen. So setzt das Unternehmen Cyquest, das zu den führenden Anbietern in diesem Bereich zählt, an jedes Projekt ein Team aus Psychologen, Webdesignern, Programmierern und Projektmanagern, die die Brücke zum jeweiligen Kunden bilden.

Ausgangsbasis ist das Ziel, dass der Kunde mit dem Spiel erreichen möchte. Dazu kann zum Beispiel gehören:

- Nachwuchssicherung: sogenannte “right potentials” im Netz zu finden und auf das eigenen Unternehmen aufmerksam zu machen

- Kennenlernen und lenken: Gerade bei größeren Unternehmen ist vielen Bewerbern oft gar nicht klar, welche Arbeitsbereiche es gibt – Bewerber können gezielt zu Positionen gelenkt werden, die ihrem Profil entsprechen. Zudem sind heute viele Stellenbezeichnungen so abstrakt, dass sie den Bewerbern nicht wirklich etwas über die Aufgaben dahinter sagen – Recrutainment-Anwendungen können hier Aufklärungsarbeit leisten.

- Selbsteinschätzung, auch self assessment genannt: Das Spiel soll dabei helfen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen

- Auslese: Bei großen Konzernen, die jedes Jahr mehrere tausend Bewerbungen erhalten, dienen die Spiele häufig als erste Auswahlrunde – nur die besten Spieler kommen weiter und werden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen.

Gemeinsam wird dann im interdisziplinären Team eine Anwendung entwickelt, die die benötigten Testelemente mit einem möglichst ansprechenden Spiel verbindet. Die Palette reicht dabei mittlerweile von der eher nüchternen Case Study bis hin zum aufwendigen Fantasy Adventure.

Hoteldirektor für einen Tag

Wie im Assessment-Center müssen die Bewerber auch bei den Online-Spielen Aufgaben aus den unterschiedlichsten Kategorien lösen. Das reicht vom Kaffeekochen für die Kollegen (der Härtetest für das Sozialverhalten?) über Mathe-Aufgaben bis hin zum Ergänzen von HTML-Codes.

Die Mitspieler erkunden mal die Zentrale eines großen Konzerns und betätigen sich dabei nebenher als Problemlöser, mal leiten sie eine virtuelle Eisfabrik, sind für einen Tag Hoteldirektor oder müssen als Innovations-Manager neue Beauty-Produkte entwickeln. Bewerber bekommen so das Gefühl dafür vermittelt, ob ihnen ein Job Spaß macht, ob sie ihm gewachsen sind oder auch ob die Aufgabe eine Nummer zu groß für sie ist.

Gute Idee, mäßige Umsetzung

Stewardess, Koch oder Bürokaufmann: Das Berufsorientierungsspiel der Lufthansa soll die ganze Bandbreite an Jobs im Konzern zeigen. Screenshot: be-lufthansa.de

Bei der Recrutainment-Applikation der Lufthansa (zu finden auf der Karriereseite be-lufthansa) geht es zum Beispiel um die Berufsorientierung, um einen Überblick über die zahlreichen Ausbildungsgänge in dem breit aufgestellten Luftfahrt-Konzern. Spielerisch sollen Interessenten herausfinden wo ihre Stärken liegen und bekommen dann die dazu passenden Ausbildungsmöglichkeiten aufgezeigt – kostenfrei und anonym, also auch ohne eine Registrierung. Beim Testlauf hat das Spiel bei mir gehakt und ich fand die Fragen so lala, aber ich bin ja auch nicht mehr die Zielgruppe, von daher…

In welche Richtung soll’s denn gehen? Der Ausbildungskompass von RWE verspricht Orientierungshilfe. Screenshot: rwe.de

Der Konzern RWE versucht auf seiner Karriereseite mit einem Interessenstest und einem Ausbildungskompass Nachwuchs zu gewinnen. Wobei der comicmäßige Einstieg eine ziemliche Täuschung ist. Denn anschließend muss zum Beispiel beim Interessenstest ganz klassisch ein Fragenkatalog durchgearbeitet werden – Seite für Seite Häkchen setzen und eigene Interessen einschätzen. Auch der Ausbildungskompass ist nicht wesentlich aufregender. Um ehrlich zu sein: Da ist Gamification-mäßig noch viel, viel Luft nach oben.

Krach, bumm, peng: Recrutainment bei der US Army

Mit Egoshooter auf Nachwuchswerbung: Auch die US-Army setzt auf Recrutainment. Screenshot: americasarmy.com

Von einem ganz anderen Kaliber – im wahrsten Sinne des Wortes – ist da schon das Recrutainment-Spiel der US-Armee. Hier können sich Interessenten zur Einstimmung umd zum Selbsttest mit America’s Army eine Art EgoShooter herunterladen und eine virtuelle Ausbildung bei der Armee durchlaufen. Unter anderem stehen Schießen und Handgranatenwerfen auf dem Programm, aber auch ein Erste-Hilfe-Kurs.

Das Spiel wird immer wieder aktuell ergänzt und befindet sich aktuell in der dritten Auflage. Begleitend dazu gibt es inzwischen auch noch eine Comic-Serie. Solche Arten von Serious Games sind natürlich Geschmackssache. Fakt ist aber, dass das Spiel bereits seit 2002 online ist und offenbar die gewünschten Erfolge erzielt, sonst wäre es sicherlich schon längst offline. Einen ersten Eindruck des Spiel könnt Ihr Euch übrigens auch per Video verschaffen .

Erfolgreich zocken – Tipps für Bewerber

Aus Spiel wird beim Recrutainment schnell ernst. Der Nachteil dieser (getarnten) Online-Bewerbertests ist, dass hier allein die Fähigkeiten am Rechner zählen. Alles wird automatisch gewertet, der persönliche Eindruck zählt – anders als etwa in einem Assessment-Center – erst einmal nichts. Oder anders ausgedrückt: Wissenslücken können hier nicht durch ein einnehmendes Wesen ausgeglichen werden.

Bei vielen Spielen stehen die Teilnehmer zudem unter Zeitdruck. Sie sollen keine Möglichkeit haben, per Suchmaschinen oder Diskussionen mit Freunden die Lösung zu finden. Das kann natürlich Stress auslösen. Der erste Tipp für Bewerber lautet deshalb: Bevor es ernst wird, am besten üben. Dafür bieten sich Spiele an, die ohne Registrierung durchlaufen werden können. Oder Ihr probiert Euch an den Angeboten von Unternehmen aus, bei denen Ihr sicher seid, dass Ihr dort nicht arbeiten wollt.

Weitere Tipps:

- Ruhige Umgebung: Die Spiele erfordern eine hohe Konzentration – also alles andere, was ablenken könnte ausschalten. Und auf keinen Fall im Büro nebenher “spielen” – könnte erstens einen ganz schlechten Eindruck machen beim Chef und ist zweitens garantier nicht sonderlich entspannt.

- Gute Vorbereitung: Geht ausgeruht an den Start. Arbeitet Euch in die Instruktionen zum Spiel ein. Drückt erst dann auf “Start”, wenn Ihr das Gefühl habt, wirklich alles verstanden zu haben.

- Setzt Euch nicht zu sehr unter Druck: Manche Spiele sind banal, anderer äußerst komplex. Häufig lassen sich dann nicht alle Aufgaben lösen – das ist aber meistens so vorgesehen.

Spielende

Damit sind wir im Finale unserer kleinen Recrutainment-Tour angekommen. Mein Fazit: Das Prinzip ist toll und kann allen Beteiligten das Berufsleben leichter machen. Berufseinsteiger bekommen einen ersten Einblick und sehen ihren Traumjob vielleicht realistischer. Unternehmen können sich die Bewerber heraussuchen, von denen sie sich am meisten versprechen. Die Umsetzung ist allerdings in vielen Fällen noch sehr, sehr schlicht und definitiv nicht auf dem Standard, die Games und Apps heute sonst in der Regel haben. Vermutlich auch, weil die Entwicklung sonst schlicht zu teuer geworden wäre. Aber insgesamt: Auf jeden Fall schon mal ein Schritt in die richtige Richtung!

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